Bei Tschernobyl war es auch so

Werner Ruch, 64, Lourdes-Helfer, Gommiswald
Bei Tschernobyl war es auch so

Foto: ©Werner Ruch

«Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sieht an diesem sonnigen Tag alles aus wie sonst. Am Freitag hat der Pöstler ein Paket gebracht, und ich habe mich gefragt, ob ich nun die Sendung zuerst desinfizieren soll. Bei Tschernobyl war es auch so. Es hiess, dass man nicht mehr ins Freie soll. Der Umwelt hat man es nicht angesehen.
Als Person mit Polio-Spätfolgen, Herz-Kreislaufproblemen und Diabetes II gehöre ich zu einer der Risikogruppen. Kommt hinzu, ich werde bald 65. Was das körperliche Älterwerden betrifft, sind Menschen mit Polio, also Kinderlähmung, ja den übrigen Menschen etwa zehn Jahre voraus. Ich musste schon immer aufpassen, auf Anraten des Hausarztes habe ich jeweils im Winter aufs Händeschütteln verzichtet. Das empfanden manche als abweisend, nun ist es eine allgemein bekannte Massnahme.
Derzeit sollte ich nicht mehr in einen Laden gehen, meine Partnerin übernimmt das. Sie muss aber darauf achten, dass sie mich nicht ansteckt. Die Wohnsituation ist darum nicht einfach, das lässt sich nicht ändern. Ich werde weiterhin ins Freie an die frische Luft gehen, einfach in sicherer Distanz zu anderen Menschen.
Dass ich dieses Jahr nicht an der Lourdes-Wallfahrt teilnehmen kann, weil sie abgesagt wurde, bewegt mich schon. Ich kann damit aber leben. Aus meiner Sicht ist dieser Entscheid absolut vernünftig. Ich habe aber auch negative Reaktionen gelesen. Lourdes sei doch ein Heilungsort. Ich finde, man muss auf dem Boden bleiben, Heilung ist ein weiter Begriff. Es gibt den Glauben, dass die Mutter Maria von Lourdes alle heilt, mein Leben zeigt etwas anderes. Ich erfahre das aber als positiv.
Nach Lourdes können wir auch nächstes Jahr wieder. Was aber für mich schwieriger ist, dass ein für Juni geplanter Kongress über Polio-Spätfolgen in Spanien nun ausfällt. Ich habe mich im Organisationskomitee der Schweizer Delegation engagiert und es hat eine Woche Arbeit gebraucht, um diesbezüglich einiges rückgängig zu machen.
Annähernd so muss das Gefühl im Krieg gewesen sein. Es wird jetzt zwar nicht mit Waffen gekämpft, doch es ist eine Ausnahmesituation, die das Leben schier zum Stillstand bringt und mich – und wohl alle – irgendwie hilflos macht.
Ich sehe in dem Ganzen aber eine grosse Chance, etwas, das wir Menschen mit einer Behinderung schon lange kennen: Die Verlangsamung unseres Alltags, das Herunterfahren unseres Arbeitsstresses, das plötzliche Eingeschränktsein in unserer von Überfluss und scheinbarer Grenzenlosigkeit geprägten Gesellschaft.
Vielleicht weckt diese Erfahrung in der Bevölkerung etwas mehr Verständnis für jene Menschen – etwa für jene mit einer Behinderung –, die in der Gesellschaft, wie sie bisher lief, nicht mithalten können. Ich hoffe sehr, dass wir nicht einfach gleich wieder zur Tagesordnung übergehen, wenn diese schwierige Zeit ausgestanden ist. Dieses Verständnis, das einander Umarmen und Aufeinander zugehen im Herzen, ist viel wichtiger für unser Zusammenleben als das physische Umarmen, auf das wir im Moment verzichten müssen und das wir ohnehin viel zu wenig gemacht haben.» (uab)

© Katholisches Medienzentrum, 17.03.2020